Freitag, 10. Juni 2016

Blogtour Lea Krambeck - Interview



Nicole: Danke Lea das du dir Zeit für mich nimmst. Zu erst wüsste ich gerne: Was fällt dir zum Begriff Andersartigkeit ein?

Lea: Jeder Mensch ist anders.
Eigentlich ist mir der ganze Roman zu dem Begriff "Andersartigkeit" eingefallen, denn darum geht es. Darum zu verstehen, warum Marion am Ende ihr Leben aufs Spiel setzt und darum betet, zu "sein wie die anderen". Wobei der bittere Witz ist, dass dieses Mädchen sich von den anderen gar nicht unterscheidet. Ich meine, es hat nichts offensichtlich 'anderes' an sich, keine 'andere' Hautfarbe, Religion, Nationalität, Kultur, Kaste, Frisur oder was auch immer. Ein Vater jüdischer Herkunft reicht ihren Peinigern, um sie schlecht zu machen.
Dabei sind, für sich genommen, semitische oder afrikanische oder überhaupt Vorfahren doch einfach nur interessant, genauso wie Religionen, Kulturkreise oder Moden. 'Andersartigkeit' als solche ist auch nie das Problem. Schlimm ist nur, wenn wer irgendeine 'Andersartigkeit' benutzt, um eine Gruppe von Menschen erst zu verleumden und dann wie selbstverständlich auszugrenzen, sie untergehen zu lassen oder auf sie zu schießen.

Nicole: Du hast ein Buch geschrieben, bei dem es um die NS-Zeit geht. Hast du denn selbst das Ganze erlebt, oder hast du dich nur informiert dazu?

Lea: Selber bin ich 9 Monate nach dem Ende der NS-Zeit geboren, also nur noch unter Zeitzeugen aufgewachsen. Nur. Nun ja. Den Schrecken über die NS-Verbrechen habe ich dabei geerbt, ebenso wie den schriftlichen Nachlass von Herta F., um den sich die Romanhandlung rankt. Und natürlich habe ich viel recherchiert, das gehörte zu der Auseinandersetzung mit dem Thema und war ein Großteil meiner Arbeit an dem Roman.

Nicole: Dein Buch handelt in Hamburg, wie bist du denn auf diesen Ort gekommen?

Lea: Zunächst mal spielt die Stadt in den Briefen von Herta F. mit, da lag es nahe, auch den Roman da zu lassen. Außerdem liebe ich Hamburg und habe drei Semester dort studiert. Hamburg war aber auch deswegen interessant, weil es mit seinem Hafen schon immer ausgesprochen weltoffen war, zudem in den zwanziger Jahren mehrheitlich links, für die Nationalsozialisten, hätte man meinen können, also eher keine leichte Beute. Bei den Reichstagswahlen 1933 hat die NSDAP auch nur in Bremen weniger Stimmen bekommen als in Hamburg. Sie hat die SPD zu dem Zeitpunkt in beiden Städten aber bereits überrundet.

Nicole: Was war für dich das schwerste, um es im Buch richtig zu fassen?

Lea: Mein Wissen um den Holocaust auszublenden und die Frage zuzulassen, wie ich mich selber 1934 verhalten hätte. Die Frage, ob und wie und woran damals zu sehen und zu erkennen war, dass sich da unmenschlich Böses zusammen braute, hängt eng damit zusammen. Da ich mein Geschichtswissen natürlich nicht wirklich abstellen konnte, habe ich Marion viel mehr Denkfutter in dieser Richtung zu verdauen gegeben, als ihr historisches Vorbild Herta F. das je hatte. Marion hat mir dann beigebracht, dass ihr das nichts nützte. "Der Sinn des Lebens erschließt sich nur durch Leben, nicht durch Denken." schreibt Marion genauso wie Herta F. in einem ihrer Briefe. - Das war schwer. - Ihr nicht helfen zu können.

Nicole: Wo kannst du am besten Entspannen?

Lea: In Kuschelecke mit Blick in Natur oder am Wasser und einem Liter Tee. Oder noch besser im Wasser mit Maske und Schnorchel, aber das geht bei uns die wenigste Zeit im Jahr.

Nicole: Hattest du einen tierischen Freund, der dir beim schreiben geholfen hat?

Lea: Wir hatten mal eine Katze in der Familie, aber die hätte keine Geduld mit mir gehabt, hätte sich niemals nur so nebenbei streicheln lassen, wenn, dann bitte mit voller Aufmerksamkeit und auch nur dann, wann es ihr passte. Heute beobachte ich gerne Tiere, auch so in Schreibpausen, zum Beispiel das Eichhörnchen, das im Baum vor dem Fenster gerne Kirschen oder auch Kirschblüten frisst, je nach Jahreszeit. Wenn es merkt, dass ich ihm dabei zusehe, ist es aber mit einem Satz auf dem Dach und auf und davon. Die Amseln sind sich meiner Gegenwart im Zimmer wohl auch bewusst, zetern rum und wollen mich dazu bringen, in den Garten zu gehen und ihnen Regenwürmer umzugraben. Eine Hilfe ist das nicht gerade. Doch, an sich schon, weil ich über sie lachen muss. Das lockert auch.

Nicole: Für dich ist es ja wichtig auch aufzurütteln und zum nachdenken anzuregen, doch was kann jeder konkret tun um die Geschichte nicht wiederholen zu lassen?

Lea: Das alte Unrecht anprangern, dachte ich, wollte ich, vielleicht ganz am Anfang irgendwann mal. Beim Schreiben habe ich aber gemerkt, dass ich die Geschichte vor allem erst mal verstehen musste und dass ich das nur konnte, wenn ich mich so ernsthaft und aufrichtig in die Lage der Menschen versetzte, die damals gelebt haben, wie man das beim Schreiben eines zeitgeschichtlichen Romans muss. Und als das Buch nach zehn Jahren fertig war, habe ich gedacht, dass es nun auch anderen helfen könnte, einiges besser zu verstehen.

Dass ein Blick darauf, was als nächstes droht, wenn Rechtspopulisten an die Macht kommen, nun aber auch noch so aktuell ist, konnte ich nicht ahnen. Der Teufel kommt nie in derselben Gestalt, heißt es; inzwischen denke ich, aber in einer verdammt ähnlichen schon manchmal.

Du fragst, was jeder einzelne konkret tun kann, damit sich die Geschichte nicht wiederholt?
Vor allem: Nicht mithassen. Nicht wegsehen. Bedrängten helfen.
Und vielleicht noch:
Die Muster kennen und wieder erkennen. Wissen, wo so was endet. Nicht noch mal den Fehler machen zu glauben, dass ideologische Akteure von alleine wieder von der politischen Bühne verschwinden, ohne vorher größeres Unheil angerichtet zu haben.

Wie sich das der wählenden Mehrheit vermitteln lässt, weiß ich aber auch nicht.

Nicole: Was bedeutet für dich Freiheit?

Lea: Dasselbe wie für Rosa Luxemburg: "Freiheit ist immer die Freiheit des anders Denkenden."

Nicole: Denkst du dass Juden heute es besser haben?

Lea: Mörderischen Antisemitismus gibt es zumindest in Deutschland kaum noch, vor allem keinen vom Staat gedeckten. Latenter Antisemitismus ist aber immer noch weit verbreitet. Ralph Giordano schreibt in seinen Memoiren, Hitler sei nur militärisch besiegt worden, nicht in den Köpfen der Mehrheit.

Nicole: Was ist die Frage, die du gerne selbst einmal an deine Leser stellen möchtest?

Lea: Oh ja, bitte, hätte da eine dringende, gehe nämlich mit was über Klimawandel schwanger. Aber:
Möchte irgendwer wirklich noch so ein problematisches Buch von mir lesen?

Nicole: Ich danke dir, dass du dir Zeit für mich genommen hast.
Lea: Sehr gerne, Nicole. Auch dir herzlichen Dank für dies Interview.
Und nicht nur dafür, sondern, hier zuletzt, aber gewiss nicht an letzter Stelle, auch dafür, dass du den Anstoß zu dieser ganzen Blogtour gegeben hast.


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Und wegen Gewinnspiel, natürlich haben wir auch eines für euch :)



Gewinnspielregeln:
Wie kann ich mitmachen?
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- Teilnahme am Gewinnspiel ab einem Alter von 18 Jahren oder mit Erlaubnis des Erziehungsberechtigten möglich.
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- Jede teilnahmeberechtigte Person darf pro Tag und pro Bog einmal an dem Gewinnspiel teilnehmen. Mehrfachbewerbungen durch verschiedene Vornamen, Nachnamen, Emailadressen oder einem Pseudonym sind unzulässig und werden bei der Auslosung ausgeschlossen.
- Das Gewinnspiel endet am 12.06.2016 um 23:59 Uhr. Die Bekanntgabe der Gewinner erfolgt am 14.06.2016 auf allen teilnehmenden Blogs.

Kommentare:

  1. Hallo,
    vielen lieben Dank für das schöne Interview.
    Bettina Hertz

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  2. Hallo ,

    tolles und interessantes Interview.Vielen Dank.
    Ich wünsche Dir schönes Wochenende:)

    Liebe Grüße Margareta Gebhardt ( Stern44)

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Hi
Danke das du mir ein paar Gedanken da gelassen hast. Sie werden jedoch erst noch freigeschaltet.
Bei nächster Gelegenheit komme ich dich auch besuchen und werde dir auch einen Kommentar hinterlassen. Fragen beantworte ich dir dann dort auch sehr gerne 😃.
Einen ganz lieben Gruß
Nicole